Rückblick Spiel 36 + Saison 12/13

02.06.2013 18:00

In der Saison 2013/14 spielt der FC Thun zum dritten Mal innerhalb von neun Jahren auf der europäischen Fussballbühne, und das als einer der Clubs mit dem tiefsten Budget der gesamten Liga, der von den Fussballexperten alljährlich als Abstiegskandidat Nr. 1 gehandelt wird. Als fünftplatzierter der letzten Saison nimmt der Berner Oberländer Club an der Qualifikation zur Europa League teil und trifft nun nach dem FC Tschichura Satschchere und dem FC Häcken Göteborg in den Playoffs auf Partizan Belgrad. Der Start in die Meisterschaft verlief bisher eher harzig. Gründe dafür dürften die Doppelbelastung mit Europa League und Meisterschaft sowie eine ziemlich lange Verletztenliste sein (und das bei einem generell eher kleinen Kader).

Ehrlich gesagt, rechneten zur Beginn der Rückrunde nicht einmal die optimistischsten Thuner mit solch einem Erfolg. Noch Ende März 2013 ging im Berner Oberland die Abstiegsangst um. Nach der 24. Runde stand man auf Rang 8 der Raiffeisen Super League. Nicht dass Thun in dieser Saison immer schlecht gespielt hätte (Ausnahmen bestätigen die Regel), aber nebst kleineren Formtiefs einiger Akteure, kam es zu gewissen Benachteiligungen, und auch das nötige Quentchen Glück stand selten auf Seiten der Thuner. Ausserdem standen fünf mehr oder weniger anspruchsvolle Partien an: zwei mal gegen den Tabellenzweiten GC, einmal zuhause gegen den Leader Basel, und je einmal auswärts gegen YB und Lausanne. Irgendwelche Erwartungen hatte zu diesem Zeitpunkt kein Thuner mehr, nur noch die Hoffnung, dass man Anfang Mai nicht als Tabellenletzter dasteht.

Und dann geschah das Unerwartete: 3 Auswärtssiege, ein Heimsieg und ein Remis gegen den Leader. Nicht zuletzt auch dank Marco Schneuwly, dem auf einmal alles zu gelingen schien, stand Thun plötzlich auf Platz 6 der RSL, nur 2 Punkte hinter dem Tabellenfünften FCZ und hatte ligaerhaltwürdige 37 Punkte auf dem Konto. Die Medien fingen an zu spekulieren: "Spielt der FC Thun in der nächsten Saison europäisch"?. Manche Kommentatoren wagten gar die Behauptung, dass die Thuner Fans ihr Team nun mit zu hohen Erwartungen bezüglich EL unter Druck setzen würden.

Tja, diese Leute kennen den klassischen Thunfan definitiv nicht. Hoffen? Aber natürlich. Erwarten? Niemals. Dass sich diese Vorsicht lohnen würde, zeigte sich bereits in der 31. Runde. Thun spielte gegen das Tabellenschlusslicht Servette... und verlor 0:2. Und der Sieg war von den Genfern definitiv nicht gestohlen. Glücklicherweise konnte man im Anschluss trotz grosser Personalsorgen das 9.-platzierte Lausanne zuhause besiegen (10 "Stammspieler" fehlten gesperrt oder verletzt, und die Ersatzbank bestand praktisch nur aus U-21-Spielern). So konnte man zumindest den 6. Tabellenrang verteidigen. Was dann kam, sollte zu einem der diesjährigen Highlights werden: Thun schlug den Tabellendritten FC St. Gallen zu Hause mit 3:0. Ein wirklich unerwarteter Sieg, und trotz des irregulären ersten Treffers von unserem Rückrunden-Helden Marco Schneuwly, auch absolut verdient. Es machte richtig Spass den Thunern zuzusehen!

Nachdem der FC Thun mit einer eher schwachen Leistung aber dafür ein bisschen Glück auch den kriselnden FC Sion auswärts schlug, verlor er in der zweitletzten Runde auswärts gegen den FC Zürich, dessen Sieg alles andere als zwingend war. Nicht das die Thuner bestechend gespielt hätten, aber das taten die Zürcher definitiv auch nicht. Da aber auch Thuns direkte Konkurrenten Sion und YB ihre Spiele verloren, verblieb Thun trotz der Niederlage mit zwei Punkten Vorsprung auf den FC Sion auf Platz 5.

Die Ausgangslage vor der alles entscheidenden 36. Runde war also klar: Mit einem Unentschieden würde der FC Thun die Saison definitiv auf dem 5. Rang beenden, selbst wenn der FC Sion (der die vorangegangenen fünf Partien mit einem Gesamtscore von 0:16 verlor!!) sein letztes Spiel gegen den FC Zürich (immerhin mit Abstand die beste Mannschaft der Rückrunde) gewinnen könnte.

In der 89. Minute der Partie in Thun (die Young Boys führten mir 1:2), war eigentlich der FC Sion für die Europa League qualifizierte, da die Sittener mit 4:2 (!!) gegen den FC Zürich führten, der es absolut fair und korrekt fand, nach gelungener Festigung des 4. Platzes mit einer B-Mannschaft gegen Sion anzutreten (u.a. ohne Stammtorwart). Ein Schelm der böses dabei denkt. Aber manchmal gibt es doch so etwas wie Gerechtigkeit, selbst im Fussball.

Drehbuch für den Tatort Thun: Zuerst schoss Samuel Affum die Berner in der 28. Minute in Führung. Die Unermüdlichkeit der Thuner zahlte sich schliesslich erst in der 54. Minute aus, als Renato Steffen (künftiger YB-Spieler und mein persönlicher Held dieses Abends!!) den vorübergehenden Ausgleich erzielte. Nachdem Michael Frey den Hauptstädtern aus dem Nichts heraus wieder zur Führung verhalf, starteten die Thuner einen Angriff nach dem anderen, nur um ihre teils 100%igen Torchancen mal für mal vereitelt zu sehen. Die Zeit verstrich, und die EL schien dem FC Thun tatsächlich noch zu entgleiten. Dies nicht zuletzt deshalb, weil ab einem gewissen Zeitpunkt der Fussball nicht mehr im Mittelpunkt stand. Es war mehr ein "Warten auf..." nein, nicht auf Samuel Beckets "Godot", aber das Theater war ähnlich absurd. Denn man wartete, und wartete, und wartete auf einen Torwart (da Bernard Challandes diesbezüglich nicht fluchte wie ein Rohrspatz, dürfte klar sein um welchen Torwart es sich handelte). Aber aller Verzögerungstaktik zum Trotz, siegte wie erwähnt die Gerechtigkeit, und zwar in der Person von Thun-Verteidiger Stipe Matic, der in der 87. Minute als weitere Sturmspitze eingewechselt wurde und in der 90. Minute das Thuner Team mit seinem unglaublichen Treffer zum 2:2 erlöste! Vielen Dank an Renato Steffen und Stipe Matic!! Das nenne ich Aufrichtigkeit und Fairness! Ihr habt wahren Charakter gezeigt, etwas dass an diesem Abend bei weitem nicht für jeden im Stadion galt!

 

Abschlusstabelle RSL 12/13

         
1 FCB 36 +30 72
2 GC 36 +16 69
3 FCSG 36 +18 59
4 FCZ 36 +14 55
5 FCT 36 -2 48
6 SION 36 -14 48
7 YB 36 -2 43
8 FCL 36 -11 42
9 LS 36 -19 33
10 SFC 36 -30 26

Stand: 01.06.2013